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Sie werden (wieder) gebraucht
27 Mai 2008
- Crossnet
Die Altersrevolution: Das Alter muss neu definiert werden
Horst Marquardt
„Mein Traum ist, als Alterspräsidentin im Jahre 2009 das Europäische Parlament zu eröffnen“,
sagte unlängst die 79-jährige Astrid Lülling aus Luxemburg. Sie ist die älteste Abgeordnete im
EU-Parlament. Das Alter bremst weder sie noch ihre Wähler. Sie will weitermachen. Folgende
drei Einsichten scheinen mir für eine Bewältigung des Wandels der „Altersrevolution“
unerlässlich:
Das immer längere Leben
1. Die höhere Lebenserwartung ist ein gesellschaftlicher Umbruch von historischer
Einmaligkeit. Die Lebenserwartung in den Industrienationen steigt wie nie zuvor in der
Geschichte. Darüber wird auch in Deutschland ständig gesprochen, allerdings ohne
erkennbare Konsequenzen. Wenn wir davon ausgehen, dass Menschen, die das
Seniorenalter erreichen, etwa 85 Jahre alt werden und derzeit 68 sind, dann haben sie noch
20% ihres Lebens vor sich, 72-Jährige noch 15%. Die Anzahl der Lebensjahre sagt natürlich
nichts über die Fähigkeit, Fertigkeit und Einsatzbereitschaft eines Menschen. Gleichaltrige
sind sehr unterschiedlich, auch schon, wenn sie 30 oder 40 Jahre alt sind.
2. „Eintritt in den Ruhestand darf nicht Austritt aus der Gesellschaft bedeuten“ (die
Altersforscherin Prof. Ursula Lehr). Die Lebensqualität jedes Menschen wächst, wenn er weiß,
dass er gebraucht wird. Die Entdeckung „Ich werde nicht mehr gebraucht!“ kann im wahrsten
Sinne des Wortes tödlich sein. Fachleute gehen davon aus, dass es in wenigen Jahren einen
Arbeitskräftemangel geben wird. Von daher wird die Lebensarbeitszeit – zumindest auf
freiwilliger Basis – verlängert werden müssen. Menschen in leitender Stellung können das
heute schon. So wurde z. B. Udo Reiter (64, Leipzig), der Intendant des Mitteldeutschen
Rundfunks (MDR), im April wiedergewählt. Seine vierte Amtszeit beginnt im Juli 2009 und
dauert bis 2015. Reiter wird dann 71 sein.
3. Die Gesellschaft braucht Konzepte und Orientierung für ihre Senioren. Senioren sollen
ermuntert werden, Aufgaben zu übernehmen, für die sie begabt sind. Oft gelingt das nur
zögerlich. Gut, dass manche Kommunen Seniorenbeiräte berufen. Erfreulich auch, dass einzelne Betriebe bewährte Fachleute über die Ruhestandsgrenze hinaus beschäftigen. Besonders bewährte Persönlichkeiten haben heute schon die Möglichkeit, tätig zu bleiben, obwohl sie die 70 überschritten haben. Das gilt z. B. für Helmut Markwort, Gründer des Magazins „Focus“, dessenVertrag als Chefredakteur kürzlich bis Ende 2010 verlängert wurde. Er ist dann 74. Auffallendzurückhaltend sind Kirchen und diakonische Einrichtungen. Wer 65 ist, wird von ihnen nicht weiterbeschäftigt. Nicht wenige bedauern dieses. Sie wären gern länger tätig.
Ein schlafender Riese
Die Einstellung vieler Senioren brachte einer von ihnen auf einem regelmäßig stattfindenden
deutschen Seniorentag zum Ausdruck: „Die Senioren sind ein schlafender Riese … Wir müssen
erst noch lernen, unsere Interessen und Positionen zu bündeln – dann könnten wir ganz
entscheidend diese Gesellschaft nach unseren Vorstellungen prägen“ (der Politiker Rolf
Olderog). Was da für die Gesellschaft im Allgemeinen gesagt ist, gilt für die Kirchen,
Gemeinden, die Diakonie und die Missionen im Besonderen. FAZ-Herausgeber Frank
Schirrmacher, der Autor des erfolgreichen Buches „Das Methusalem-Komplott“, wird nicht
müde, darauf hinzuweisen, „dass sich nicht nur die Familienpolitik radikal ändern muss,
sondern auch das Alter neu definiert werden muss“. Ich teile seine Ansicht.
(Der Autor, Pastor Horst Marquardt (Hüttenberg bei Wetzlar), ist Vorsitzender des Kongresses
christlicher Führungskräfte