Buchrezension
Religionsmonitor 2008.
28 November 2008 - Crossnet

Rezension des Buches "Der Religionsmonitor"
(verfasst von Jakob Haidvogel)
 
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ERKENNTNIS FÜR DEN FRIEDEN

Der Religionsmonitor schafft mit seiner weltweiten Umfrage über Gottesvorstellungen die Grundlage für Verständnis und einen friedlichen Dialog zwischen den Religionen.

Im Rahmen der fortschreitenden Globalisierung zeichnet sich die Notwendigkeit für alle Menschen ab, zunehmend auf einander Rücksicht zu nehmen und Kompromisse zum gemeinsamen Wohl einzugehen. Die Voraussetzung für ein solch soziales Verhalten ist Toleranz genauso wie Empathie. Denn wer statt Ausgrenzung Anerkennung leben will, muss zu verstehen suchen, was andere Kulturen anders leben und warum. Ein tieferes Verständnis für die Gottesbilder und Glaubensmuster anderer Religionen kann dabei große Hilfe leisten.

Entdeckergeist auf Neuland

Um zu klären, ob es nun, global gesehen, zu einer zunehmenden Säkularisierung kommt oder ob wir eher eine „Renaissance der Religion“ erleben, wurden im Rahmen des Religionsmonitors der Bertelsmann Stiftung über 21 000 Menschen auf allen Kontinenten repräsentativ befragt. Der Religionsmonitor 2008 ist eine repräsentative Erhebung in 21 Ländern, wobei die Gewichtung in einer Weise erfolgte, dass alle großen Weltreligionen und alle Kontinente berücksichtigt wurden.

So konnten tatsächlich eine Vielzahl an spannenden Ergebnissen über die Religiosität der Menschen erfasst werden. Die Schwierigkeit in der Erhebung vergleichbarer Daten lag letztlich in der unterschiedlichen Ausformung religiösen Denkens und Handelns. Schließlich sollten sowohl theistische wie auch pantheistische Vorstellungen erfasst werden. Auf bemerkenswerte Weise schafft es der Religionsmonitor, diesen Spagat zu überwinden, indem er einen substanziellen Religionsbegriff anwendet, der sowohl in allen Religionen anwendbar ist wie auch einer hohen individuellen Religiosität entspricht. Insofern waren die Forscher erfolgreich mit ihrem neuartigen Zugang zum Thema Religionsvergleich. Vielmehr als nur eine neue Herangehensweise an die Methodik der Untersuchung ist auch die Perspektive eine im Religionsmonitor eine völlig neue. Zum ersten Mal ist eine sozialwissenschaftliche Untersuchung mit dem Ziel gestartet worden, die verschiedenen Formen des Glaubenslebens rund um die Erde mit einer repräsentativen Umfrage zu vergleichen.

Neue Methode – Neue spannende Erkenntnis

Allein durch die weltweit einheitliche Befragung ermöglicht der Religionsmonitor eine beeindruckende Vergleichbarkeit der Religionen. Denn es zeigt sich trotz aller Verschiedenheit der Weltreligionen, dass es auch zahlreiche ähnliche Inhalte und Strukturen gibt.

Es werden spannende internationale Befunde interpretiert:

So zeigt sich die Krise der Kirchen in Europa schon anhand eines einzigen Indikators – der Häufigkeit des Gottesdienstbesuches. Denn mit Ausnahme von Italien gibt es nur noch eine Minderheit von Menschen, die angibt, mindestens einmal im Monat den Gottesdienst zu besuchen. Nur in Österreich übersteigt der Anteil der regelmäßigen Kirchgänger die Zahl jener, die nie den Gottesdienst besuchen. Es scheint, dass Kirche und Religion nur noch für wenige Europäer eine zentrale Rolle spielen – dieser Befund bestätigt sich, wenn man danach fragt, wie wichtig den Menschen Religion als Lebensbereich ist. Abgesehen von Italien und Polen wird höchstens für ein Drittel der Befragten Religion als ebenso wichtig wie Arbeit und Freizeit, Bildung oder Beruf empfunden.

Vergleicht man die Ausrichtung des Glaubens bei den Katholiken und Protestanten in Europa mit jener in Lateinamerika, so werden Gegensätze offenbar, welche durch die Bedeutung der Religion für gesellschaftliche Umbruchprozesse zu begründen sind: Während etwa in Deutschland Katholiken und Protestanten in vielem  eine ähnliche Meinung vertreten und die Katholiken bloß etwas opferbereiter und missionarischer auftreten, so finden sich in Lateinamerika scharfe Gegensätze zwischen Katholiken und Protestanten. Ursache ist z.B. dass in der lateinamerikanischen Modernisierung die Religion eine große Rolle spielt. Denn der Katholizismus steht in seiner Gesamtheit für gesellschaftliche Kontinuität, wogegen der Protestantismus in Bezug auf gesellschaftliches Handeln die dynamischere Variante des Christentums ist.

Dem Islam widmet sich das Buch nur mit einem einzigen Aufsatz. Dieser beschreibt dafür detailliert die Unterschiede in den diversen muslimischen Denominationen. Im Gegensatz zu anderen Erhebungen beschränkt sich der Religionsmonitor nicht auf den Nahen und Mittleren Osten, sondern bezieht sehr unterschiedliche Gesellschaften ein: Nigeria, Israel, Indonesien, Marokko und die Türkei. So stark nach verbreiteter Meinung die Religion auch den Alltag der Muslime beeinflussen soll: Die politische Einstellung korreliert nur in begrenztem Umfang mit der religiösen Bindung. Damit verbindet sich die Frage nach religiöser Toleranz gegenüber anderen Religionen. Bemerkenswert ist hier, dass für viele islamische Gesellschaften religiöse Vielfalt eine seit Jahrhunderten gelebte Realität darstellt. Musterbeispiele finden sich in Indien, Indonesien, Irak oder Nigeria. In praktischer Hinsicht ist die Umsetzung religiöser Vielfalt komplex – so stimmen viele der Notwendigkeit zu, anderen Religionen gegenüber offen zu sein, betonen auf der anderen Seite aber, dass die eigene Religion im Recht ist.

Was hier als Widerspruch aufscheint, ist vielleicht geradewegs als gesellschaftliche Lösung für den Spagat zwischen individuellem Glaubensleben und sozialer Toleranz Andersgläubiger zu erkennen. Diesem Aspekt der Interpretation widmet der Religionsmonitor  zu wenig Raum, dabei wäre gerade solch eine Bemühung Ziel führend im Bemühen, die Umfragedaten zu nutzen für die Erstellung von Richtlinien über den friedlichen Umgang zwischen den Religionen. 

Die Neutralität der Bewertung

Der Religionsmonitor bleibt bei der Interpretation der Umfragedaten und bei der Bewertung der Religionen angenehm neutral, sachlich kompetent werden die Ergebnisse der Befragungen bzw. der Tiefeninterviews dargelegt und interpretiert.

Und doch ist es gerade diese Neutralität, welche dem Leser vor Augen führt, wie ähnlich sich die Menschen der verschiedensten Kulturen in ihrem Bedürfnis nach Orientierung in Wahrheit sind. Sie suchen alle nach Sinn, doch auf verschiedenste Weise: manche üben dabei konfessionsübergreifend ähnliche Rituale, Gebete oder intellektuelle Denkweisen, andere wiederum grenzen sich je nach Konfession von einander ab. Dass in der globalen Betrachtung so viele verschiedene religiöse Formen von Gebet bzw. Meditation, von Ideologie oder Intellekt gelebt werden, zeigt eindrucksvoll, wie unterschiedlich die Menschen und ihre Bedürfnisse sind. Das erfreuliche Fazit: Trotz ihrer unterschiedlichen Glaubensausrichtungen sind die meisten Menschen fähig und willig zu Toleranz zu gegenüber Andersgläubigen.
 
Auch wenn das vorliegende Buch interessante Erkenntnisse liefert, in der Auswahl und Gewichtung der Religionen blieb man nicht neutral: So stehen leider die Ergebnisse der Umfrage aus Österreich, Deutschland und der Schweiz im Vordergrund, nicht – wie der Buchtitel und die Einleitung suggerieren- die gleichberechtigte Auswertung der Umfragedaten aus allen Ländern. Dass die deutschsprachige Ausgabe des Religionsmonitors sich auf die Interpretation der Erhebungsdaten aus den deutschsprachigen Ländern fokussiert, ist aber zumindest verständlich.

Hoher Anspruch

Die Ergebnisse des Religionsmonitors geben den Religionsgemeinschaften Auskunft über die individuelle Religiosität ihrer Mitglieder. Sie sollen laut Anspruch der Verfasser die Diskussion um die Bedeutung der Religion vor dem Horizont von Globalisierung und gesellschaftlicher Heterogenität fördern. Jedenfalls kann der Religionsmonitor für die Religionsgemeinschaften als Chance genutzt werden, die Ergebnisse zu reflektieren und sie künftig bei Reformen zu berücksichtigen.

So hoch wie der wissenschaftliche Anspruch an die Studie ist auch jener an die Konsequenzen der Publikation: Ihre Initiatorin Liz Mohn wünscht sich, dass der „Religionsmonitor“ weitere Ansätze für einen künftigen Dialog zwischen den Religionen bietet. Auf diese Weise hofft sie, zum Verstehen der Religionen beizutragen, denn sie empfindet Toleranz zwischen den Glaubensrichtungen als wesentliche Grundlage für eine friedliche Zukunft aller Menschen. Mit Sicherheit jedenfalls ist ihr mit dem Religionsmonitor ein spannender Einblick in die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der verschiedensten Religionen gelungen, der so noch nie publiziert wurde. Allein das rechtfertigt schon die Lektüre dieser außergewöhnlich interessanten Studie.

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Seiten: 288. Taschenbuch. 
Verlag: Gütersloher Verlagshaus; 1. Auflage (18. Dezember 2007) 
 
ISBN-10: 3579064657
ISBN-13: 978-3579064659
 
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Weiterführende Seitenverweise:
 

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