Ben Becker auf dem Katholikentag: Ich bin Gott sehr nahegekommen Tobias-Benjamin Ottmar
Die Bässe brummen, die Geigen flirren und eine tiefe, raue Stimme spricht: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde …“. Ein Raunen geht durch die rund 8.000 Zuschauer im Schlossgarten in Osnabrück. „Heftig“, flüstert eine Frau. Ben Becker hat seinen Mega-Gottesdienst auf dem 97. Katholikentag begonnen. „Die Bibel – Eine gesprochene Symphonie“ heißt sein Programm. Es spannt einen Bogen vom Alten Testament über die Auferstehung bis hin zur Offenbarung.
„Er hat was“
Bereits lange vor Einlass standen die Besucher an den Absperrungen. Eine Stunde vor der Vorstellung stürmten sie dann den Schlossgarten. Die rund 6.000 Sitzplätze waren in Sekunden belegt. „Eigentlich mag ich Ben Becker ja nicht so, aber er hat irgendwas“, erzählt eine Frau ihrer Sitznachbarin. „Ich glaube, das ist seine Art“, antwortet diese. „Becker und Kirche passt ja eigentlich nicht so zusammen, aber vielleicht ist es ein neuer Weg“, sagt ein Osnabrücker. Er hat sich einen Platz in der ersten Reihe gesichert. Das „Enfant terrible“ der deutschen Künstlerszene und die Bibel – für den Schauspieler selbst ist diese Kombination nicht ungewöhnlich. Religiös erzogen ist er nicht, sondern es war schlicht die Lust am Pathos, die ihn antrieb, „die Bibel zu machen“. Und das bekommen die Zuschauer jetzt zu spüren. Mit seiner rechten Hand hält er sich oben am Pult fest, seine linke greift es weiter unten. Immer wieder holt der Schauspieler mit seinem Körper weit aus, um Luft zu holen. Seine Inspiration erhielt er durch Dolly Parton’s Song „He’s alive“. „Das ist große Oper“, sagt Becker. Im Song geht es um die Auferstehung. „Ich habe dann ins Alte Testament geschaut und mich gefragt, würde das für ein Bühnenprogramm zusammenpassen?“ Es hat. Nächtelang hat er daraufhin mit einem Theologen zusammengesessen, Texte ausgewählt, Reihenfolgen abgestimmt und Änderungen vorgenommen. Danach kamen Komponisten, Regisseur, Kostümbildner, Lichtdesigner und Videokünstler: Es entstand eine operngleiche Version der Heiligen Schrift, eben „so eine Art Mega-Gottesdienst“, sagt Becker. Mit auf der Bühne stehen seine Zero Tolerance Band, das Filmorchester Babelsberg und ein Gospel-Chor. Auf einer Leinwand projizieren die Videokünstler die unter anderem in Marokko gedrehten Aufnahmen, meditative Bilder, die den Text nicht nur illustrieren, sondern auch zum Weiterdenken anregen sollen.
Nicht bekehren, nicht predigen
Becker selbst spannt nun einen Bogen vom Alten Testament über die Auferstehung bis hin zur Offenbarung. „Das volle Programm“, so der Schauspieler: Schöpfungsgeschichte, Paradies, Sündenfall sowie Kain und Abel, Elvis Presley’s „In the ghetto“, der Turmbau zu Babel, Noah, Moses, Josef und seine Brüder, Jona und schließlich die Geschichte Jesu. Der ist Becker besonders sympathisch, denn „der hat das ein oder andere Mal gesagt, wo es langgeht“. Bekehren will Ben Becker an diesem Abend niemanden, predigen auch nicht. „Die Quintessenz des Ganzen ist Liebe, das will ich bei diesem Theaterabend vermitteln“, sagt er. Und zum Schluss sollen alle „glücklich beseelt“ nach Hause gehen. Becker selbst ist Gott „sehr nahegekommen durch die Arbeit“. Und: „Ich habe das Gefühl, dass er sehr bei mir war.“ Von der Kirche gab es bislang deshalb auch nur positive Resonanz. (idea)